Archiv für November, 2008

Personenkult und Projektion

Posted in Texte on November 23, 2008 by stockfisch

Am 8.11.2008 fand in Lübeck eine von der Lübecker Gruppe „Anarchist Federation“ initiierte und von etwa 100 Leuten besuchte Demonstration unter dem Motto „Deutschland? – Nie wieder! Gegen Rassismus und Antisemitismus! Gegen Volk und Nation!“ statt.

In dem eher plakativen und von einigen merkwürdigen Formulierungen (1) durchzogenen Aufruf, den sechs weitere linksradikale Gruppen aus Schleswig-Holstein unterzeichneten, wurden in einem kurzen Absatz die gegen Jüdinnen und Juden gerichteten Novemberpogrome, die einen vorläufigen Höhepunkt im deutschen Vernichtungsantisemitismus darstellten, thematisiert.

In den folgenden beiden Absätzen wurde auf den sich kurz nach dem Fall der Mauer am 9.11.1989 entwickelnden deutschnationalen Taumel und seine folgerichtigen Begleiterscheinungen wie die damals fast täglichen Hetzjagden und pogromartigen Ausschreitungen des deutschen Mobs gegen alle als „Volksfeinde“ identifizierten Menschen eingegangen sowie ein Blick auf die heutigen deutschen Zustände geworfen.

Ließ nun bereits der Aufruf aufgrund der oben genannten Kritikpunkte sowie die Vorbereitungsphase nicht all zuviel Gutes erwarten, so gestaltete sich die Veranstaltung dann leider noch um einiges schlimmer als gedacht. Während der Großteil der Schleswig-Holsteiner Restautonomen lieber im Wendland durch den Schlamm robbte und mit der Gutmenschen-Zivilgesellschaft gegen den Castor demonstrierte, fanden sich, wie bereits erwähnt, gerade einmal knapp 100 Leute ein: darunter einige organisierte Menschen sowie der übliche Klüngel aus erlebnisorientierten und mit Bierflaschen bestückten Punkerkiddies.

Begleitet wurde die Demonstration durch die üblichen stumpfen und absolut nicht anlassbezogenen Parolen. So waren neben dem obligatorischen „Nazis raus“ -Geschreie auch so genannte „sozialrevolutionäre“ Parolen zu hören, die kraft des emporragenden und durch Rosa Luxemburgs Konterfei verzierten Transparents „Revolution statt Deutschland“ der Kieler Gruppe „Zunder“ noch optisch untermalt wurden.

Hier stellt sich für uns die Frage, ob es der Gruppe Zunder überhaupt noch um ein Gedenken der Opfer des Antisemitismus geht, wenn ihr am Vortag des 70. Jahrestags der Reichspogromnacht nichts Besseres einfällt, als ihre Vorstellungen von „Revolution“ und „sozialer Befreiung“ nach Außen zu tragen. Denn auf uns wirkt dies eher wie eine Instrumentalisierung derjenigen, die um den 9.11.1938 Opfer des deutsch-völkischen Wahns wurden, nämlich der als „Gegenrasse“ imaginierten Jüdinnen und Juden.

Diese auf der Demo gezeigte Tendenz spiegelte sich auch in ihrem Redebeitrag beziehungsweise in ihrer Flugschrift wider, die sich inhaltlich auf alle Ereignisse bezieht, die an jenem geschichtsträchtigen Datum der deutschen Geschichte stattfanden.

Positiv, das Flugblatt betreffend, ist die Mühe der Gruppe „Zunder“, auf vier Seiten die wichtigsten Geschehnisse zu rekapitulieren, wobei der Personenkult ein wenig stört. Denn nebst der die Vorderseite des Flugblatts schmückenden Rosa Luxemburg lässt sich noch ein weiteres Porträt – diesmal aus dem Fundus der realsozialistischen“ Elite -, nämlich der autoritäre Schwulenhasser Ernesto „Che“ Guevara auf einem Bild DDR-Oppositioneller wieder finden, die nicht etwa die Parteienherrschaft der Emanzipation wegen negierten, sondern sie lediglich reformieren wollten.

Darüber hinaus fällt die Gruppe „Zunder“ der vulgären Dichotomie vom gesellschaftlichen Oben und Unten anheim, was sich vor allem am Ende des Flugblattes offenbart, da dort behauptet, wird, wo es an einer „revolutionäre[n]Bewegung von unten“ mangele, siege die Barbarei, was impliziert, der Faschismus sei ein „von Oben“ oktroyierter gewesen und habe keine Massenbasis besessen. Allerdings haben ebenso Arbeiter und sich sozialistisch dünkende Personen gegen das „Judenkapital“ gehetzt, was verifiziert, dass das Proletariat keine privilegierte erkenntnistheoretische Stellung hat, sondern genauso den Verblendungszusammenhängen unterliegt und diese nicht eo ipso durchdringen kann.

Aber Antisemitismus und Rassismus sind nicht etwa Instrumente „der Herrschenden“, wie die Gruppe „Zunder“ in einem Absatz suggeriert (2), sondern Ausdrücke eines Drangs zur Personalisierung und Konkretisierung abstrakter Sachzusammenhänge und der negativen Aspekte des Kapitals. Daher sind die „zaghafte[n], oft noch ziellose[n] Versuche […] das Bestehende zu hinterfragen“, um die man nicht „drumrum“ [sic] kommt und die, „Zunder“ zufolge, ob der aktuellen Krise aufkeimen sollen, nicht per se emanzipatorisch, auch nicht, wenn sie die Massen erreichten, wovon gen Ende der Schrift ebenfalls deliriert wird.

Positiv hervorzuheben an dieser Demonstration wäre lediglich zweierlei: Zum einen die Tatsache, dass wohl erstmalig in Schleswig-Holstein Israelfahnen auf einer Demonstration zu sehen waren, deren Trägerinnen und Träger nicht um ihre physische Unversehrtheit fürchten mussten und zum anderen der Redebeitrag der Kieler Gruppe „Marlene hates Germany“, der jedoch durch einige Demoteilnehmer belächelt beziehungsweise gestört wurde.

Die nur sporadisch funktionierenden Boxen des Lautsprecherwagens kompromittierten diese Veranstaltung endgültig und wurden lediglich durch die Wortwahl der Gruppe „Schwarze Ranke“ übertroffen, die von Menschen „jüdischer Abstammung“ schwadronierte, den Euphemismus „Reichskristallnacht“ für die Novemberpogrome verwendete und ihren Redebeitrag mit den Worten „Gegen jeden Staat – Für den Anarchismus“ beendete. Wer letzteres zu solch einem Anlass wiedergibt, hat wohl die Kontinuität des Antisemitismus nicht verstanden. Denn dass Israel bis heute den einzigen Schutzraum für Jüdinnen und Juden darstellt, an dem sie sich auch militärisch gegen jede Erscheinungsform des Antisemitismus verteidigen können, wird bei solch undifferenziert staatskritischen Aussagen deutscher Linker wie „Gegen jeden Staat“ schlechterdings übersehen.

  1. kranker Antisemitismus“, als ob es einen gesunden gäbe!

  2. […] nationalistische Kriegspropaganda und Minderheitenhetze der Mächtigen (!) […]“

  3. Dass israelsolidarische Personen in Norddeutschland weiterhin gefährlich leben, zeigten mal wieder die Ereignisse auf der Demo am 3.10.2008 in Hamburg.

Link zum Aufruf der Gruppe Anarchist Federaton
Link zum Flugblatt der Gruppe Zunder

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